Freiheit

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie frei sind wir? Das Ausmaß unserer Freiheiten als Bürgerinnen und Bürger einer weitgehend funktionierenden Demokratie wird einem am ehesten deutlich, wenn man vergleicht. Trotz aller „Ostalgie“, die das Leben in der DDR verklärt, will wohl keiner den Todesstreifen an der Grenze oder die Stasi zurück haben. Und welcher deutsche Mitarbeiter einer in China operierenden Firma würde freiwillig seine Staatsbürgerschaft gegen die chinesische eintauschen?

Politische Themen, die mit Glauben nichts zu tun haben?  Der Blick auf das Zeitalter der Reformation offenbart, wie sehr die Entwicklung der bürgerlicher Freiheiten mit der Idee einer individuellen, inneren Freiheit verknüpft ist, die in einer konkreten religiösen Überzeugung wurzelt: Gott will uns als aufrechte und im Gewissen nur an sein Gebot gebundene Menschen. Gott will uns frei und gleich.  Martin Luther war einer, der dies zutiefst erkannte und in Worte fasste.  „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“, so übersetzt Luther den Satz des Paulus in Galater 5,1a.  Beiden geht es darum, dass Angst und Leistungsdruck nicht die beherrschenden Vorzeichen menschlichen Daseins sind. Es zählt ausschließlich, dass Gottes Liebe in Christus lebendig geworden ist und uns als Geschenk angeboten wird. Wer das für sich annimmt, ist frei:  frei von der Angst, nicht genügen zu können, frei in der Entscheidung des eigenen Gewissens;  frei zur Verantwortung und auch dazu, Fehler zu machen.

Keineswegs war nun mit Luther & Co. auf einen Schlag das freie Subjekt geboren, das die europäische Menschenrechtskonvention von 1950 voraussetzt. Statt des Klerus hatten im 16. Jahrhundert die Fürsten das Sagen und die Bauern das Nachsehen.  Christlich legitimierte Sklaverei gab es offiziell bis 1865. Noch länger dauerte es, bis Frauen in den Evangelischen Kirchen voll gleichberechtigt waren! Aber dennoch: die Idee war in der Welt und wirkte!  Wirkt sie noch bei uns?

Wie frei sind wir?  Mich beschäftigt es sehr, dass heute oft der Satz zu hören ist:  „Was kann ich schon dagegen machen?“   Ein Gefühl der Ohnmacht drückt sich darin aus. Und es stimmt ja, es gibt gewaltige Probleme zu lösen. Der Klimawandel, die ungerechte Verteilung von Wohlstand, Kriege und neue Machtspiele zwischen Staaten sind große Herausforderungen. Dazu noch die eigenen, beruflichen oder privaten Tretmühlen, die jeder kennt. Viele Freiheiten – und doch gefangen. Ist das unsere Situation?

Paulus schrieb damals nach Galatien: „So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen“ (Gal 5,1b).  Mit anderen Worten:  Freiheit will behauptet sein. Sie ist ein Standpunkt, den wir einnehmen sollen und können, mit Gottes Hilfe. Es liegt an uns, ob wir die Spielräume wahrnehmen und nutzen, die wir haben, und seien sie noch so bescheiden. Paulus, dessen Leben viel unsicherer war als unseres, ja oft am seidenen Faden hing, war ganz optimistisch: „Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn, ihr werdet nicht anders gesinnt sein.“ (Gal.5, 10a).

Ihre Pfarrerin Almuth Koch-Torjuul