Ein stellvertretendes Leiden

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Nacht zum Samstag vor Beginn der Karwoche starb bei Carcassonne in Südfrankreich der Polizist Arnaud Beltrame. Er hatte sich bei einem Angriff in einem Supermarkt für eine Geisel eintauschen lassen. Der Geiselnehmer hatte zuvor zwei Menschen getötet. Das mögliche Risiko war Arnaud Beltrame also bewusst. Er war 45 Jahre alt und hatte schon Übungen zur Terrorabwehr geleitet. Gleichzeitig war Beltrame bekennender Katholik. Er hatte am Sonntag davor noch die Messe besucht, hatte gerade geheiratet und bereitete sich mit seiner Braut auf die kirchliche Trauung vor. Als in dieser Nacht keine Hilfe mehr möglich war, empfing er durch den Priester die Krankensalbung und den Segen vor dem Sterben. Die ursprüngliche Geisel, eine Frau, überlebte.

Was berührt uns so besonders an dieser Geschichte? Mich beeindruckt, dass hier ein Mensch stellvertretend für einen anderen eingestanden ist. Und sogar so weit gegangen ist, dass er sein Leben dabei gegeben hat. Gegeben in dem Bewusstsein, es nicht festhalten zu können. Gegeben anscheinend in einem großen Vertrauen, dass, was auch immer geschieht, dieser Weg der richtige sein wird.

Stellvertretend für andere einzutreten – dafür steht das Kreuz als zentrales Symbol des Christentums. Dass Christus mit seinem Leben und Sterben für uns und auch für mich selber eintritt: Das ist einer der tiefsten Gedanken des christlichen Glaubens. Stellvertretung bedeutet, dass Christus zur Stelle ist, wo ich fehle, wo ich versage. Wo ich den Mut nicht aufbringe. Manchmal erleben wir das ja auch von anderen Menschen, die uns beistehen. Es gehört in gewisser Weise zum Leben dazu. Ich finde nicht die richtigen Worte, aber ein anderer sagt sie. Einer möchte Recht erwirken, ein anderer ist sein Anwalt.  Oder, ganz schlicht: Jemand macht sich Gedanken um mich, und nimmt sich für mich Zeit. Auch der gibt etwas, nämlich einen Teil seiner kostbaren Lebensstunden.

Was wären wir und unser Leben, wenn es das nicht gäbe, dieses Füreinander eintreten? Wo einer das für den anderen tut, da kommt etwas in Bewegung. Da werden Verhältnisse neu. Da werden Menschen aneinander gebunden in das Verhältnis der Gegenseitigkeit. Was Christus für uns für Gott tut, das wird die Grundlage unserer Freundschaft mit ihm. Es wird sogar zum Auftrag für uns. So schreibt der Apostel Paulus: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. So sind auch wir nun Botschafter der Versöhnung.“

Pfarrer Sven Torjuul