Ich steh an deiner Krippen hier

Ich steh an deiner Krippen hier,

o Jesu, du mein Leben;

Ich komme, bring und schenke dir,

was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

und lass dir’s wohlgefallen.

Das Weihnachtslied mit der Nummer 37 in unserem Gesangbuch führt zwei der wichtigsten Vertreter evangelischer Kirchenmusik zusammen. Der Text stammt von Paul Gerhardt und die Melodie von Johann Sebastian Bach. Der Choral findet sich auch im Weihnachtsoratorium von Bach. Dort steht er an der Stelle, als die Weisen an die Krippe herantreten.

Der Text des Liedes beschreibt nicht das Weihnachtsgeschehen an sich, sondern reflektiert die Bedeutung der bekannten Botschaft in einer Art Gebet  für das eigene Leben und den eigenen Glauben. „Was bedeutet es, dass Gott auch für mich Mensch geworden ist, um mir seine Gnade und Barmherzigkeit zu schenken?“

Als Beter tritt Paul Gerhardt vor Gott, voller Dankbarkeit für sein Leben mit allen Höhen und Tiefen, und bekennt seinen Glauben: „Das alles habe ich von dir erhalten, es ist dein und darum will ich es zu deinem Lob einsetzen.“ Es geht um den Glauben, um die Haltung, wie man das eigene Leben bewertet. Die Ich-Form, die Paul Gerhardt gewählt hat, ist dabei eine persönliche Aufforderung an jeden Glaubenden, in die Verse einzustimmen, innerlich vor Gott zu treten und sein Leben vertrauensvoll in seine Hand zu legen.

Dem besinnlichen Charakter des Textes folgt Bach mit seiner Melodie. Nicht triumphal oder fröhlich, wie bei vielen anderen Weihnachtsliedern, sondern leise und ein wenig melancholisch hat Bach die Worte in Moll vertont. Bach zeigt hier sein ganzes Können, wie er mit einer eher schlichten Melodie eine dem Text angemessene gefühlsmäßige Dichte erzeugt und die Aussage der Worte vertieft.

Das Lied ist eine gute Gelegenheit, das Weihnachtsgeschehen zu erfassen. Es geht um kein geschichtliches Ereignis vor 2000 Jahren oder um damit zusammenhängende Fragen. Wichtig ist das Jetzt und Hier, Gottes Botschaft zu hören und daraus Kraft zu gewinnen für den Glauben: „Ich bin dein Freund, ein Tilger deiner Sünden. … Du sollst ja guter Dinge sein, ich zahle deine Schulden.“ (Strophe 5) Die Weihnachtsgeschichte führt diese Frohe Botschaft immer wieder besonders deutlich vor Augen, vielleicht auch, weil sie mit so viel Gefühl verbunden ist. Gott kommt den Menschen weit möglichst nahe. Paul Gerhardt bringt in seinem Lied zum Ausdruck, dass dieses Handeln Gottes auf eine Antwort wartet, an die Krippe als Symbol für Gottes Gegenwart heranzutreten und sich Gott zu öffnen.

Ich wünsche Ihnen besinnliche Weihnachten und wohltuende Erfahrungen mit Gottes Nähe.

Ihr Bernd Stollewerk